Daniel Krentel im Interview

Daniel Krentel arbeitet nicht nur an der BAM, sondern seit vielen Jahren auch ehrenamtlich beim Technischen Hilfswerk und kennt Einsätze in Gefahrensituationen

Quelle: BAM, Bild: Michael Danner

In Deutschland sind zahlreiche Behörden und Organisationen in der zivilen Gefahrenabwehr tätig. Die Geräte und Ausstattungen, die sie verwenden, werden meist von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) entwickelt. Nicht immer entsprechen deren Lösungen jedoch den Bedürfnissen der Endanwender. Das Innovationsforum InnoBOSK der BAM will das ändern. Ein Gespräch mit dem Projektleiter Daniel Krentel.

Was war der Anlass für die Gründung des Innovationsforums?

In Deutschland gibt es viele Behörden und Organisationen (BOS), die in der zivilen Gefahrenabwehr tätig sind. Dazu zählen Feuerwehren, Rettungsdienste, die Polizei der Länder und des Bundes, das Technische Hilfswerk, Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz oder die Johanniter Unfallhilfe. Sie verwenden Sicherheitstechnik, die zumeist von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) entwickelt wird. Oft aber sehen sich die BOS vor dem Problem, dass von den KMU technische Lösungen erarbeitet werden, die gar nicht ihrem Bedarf entsprechen. Umgekehrt werden ihre eigentlichen Bedürfnisse nicht immer bedient. Unser Innovationsforum, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, soll die Zusammenarbeit zwischen beiden Seiten verbessern, um bedarfsorientierte Lösungen zu schaffen.

Grafik zum Innovationsforum

Die BAM vernetzt Unternehmen mit Behörden und Organisationen im Bereich der zivilen Gefahrenabwehr.

Quelle: BAM

Wer sind diese KMU – und um welche Arten von Sicherheitstechnik geht es?

Zu den KMU zählen etwa Firmen, die Sensortechnik, Robotik oder Drohnensysteme entwickeln. Sie stehen für Innovationskraft, sind letztlich das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Die Sicherheitstechnik, die sie entwickeln, umfasst ein sehr großes Spektrum und reicht von Schutzausrüstung über Löschtechnik sowie Warn- und Messtechnik, mit der man z.B. Gefahr- und Explosivstoffe detektieren kann, bis hin zu Drohnen.

Warum arbeiten beide Seiten bisher oft aneinander vorbei?

Die BOS, zu denen ja viele ehrenamtliche Organisationen zählen, sind bisher nicht ausreichend vernetzt mit den Unternehmen, die Sicherheitstechnik entwickeln, sowie mit Wissenschaft und Forschung. Ihnen fällt es daher schwer, ihre Bedürfnisse zu adressieren. Für die KMU wiederum ist es nicht leicht, einen Marktüberblick zu gewinnen, weil es sehr viele BOS gibt. Sie haben teils gar nicht die Ressourcen für eine aufwendige Marktanalyse. So versuchen sie beispielsweise, eine neue Anwendung für ein bereits entwickeltes System, etwa eine Drohne, zu entwickeln und zu verkaufen. Es kann aber sein, dass es für diese Anwendung bei den BOS gar keinen Bedarf gibt.

"Oft werden technische Lösungen erarbeitet, die nicht den Bedürfnissen entsprechen. Das wollen wir ändern."

Was war der konkrete Anlass, auf diesem Gebiet tätig zu werden?

Das Innovationsforum ist hervorgegangen aus einem Cluster zur zivilen Sicherheitsforschung, dessen Gründungsmitglied die BAM ist. In diesem Cluster war das unzureichende Verständnis zwischen KMU und denjenigen, die ihre Produkte in der Praxis anwenden, bereits oft Thema. Aber auch aus eigener Erfahrung als Ehrenamtlicher beim Technischen Hilfswerk kenne ich Systeme, die entweder für die Einsatzkraft als technischen Allrounder zu kompliziert oder zu umfangreich sind oder sich unter den erschwerten Bedingungen eines Einsatzes, bei Dunkelheit, Nässe oder anderen Widrigkeiten, nicht gut bedienen lassen.

Wo liegen die tatsächlichen Bedürfnisse der BOS?

Neue Techniken in der Mobilität bringen neue Gefahren hervor; damit müssen Feuerwehren und Rettungsdienste in ihrem Alltag ganz konkret umgehen. Zum Beispiel: Wie lösche ich ein brennendes Fahrzeug mit einer Lithiumbatterie? Oder Teams, die in einen Unfallbereich vordringen, müssen Gefahrstoffe möglichst schnell identifizieren können. Sie benötigen also ein Gerät, mit dem sie verschiedene Substanzen sicher detektieren können. Zugleich könnte der Einsatz von fliegender oder landgebundener Robotik in Zukunft dabei helfen, dass Einsatzkräfte nicht mehr selbst zur Erkundung in Gefahrenbereiche vordringen müssen. Wie ersetze ich das, was ein Mensch leisten kann, durch automatische oder teilautonome Systeme? Das sind Fragen, die von den BOS immer wieder gestellt werden. Auch bei der persönlichen Schutzausrüstung – der unmittelbaren und letzten Barriere für die Einsatzkraft – gibt es eine Vielzahl neuer Anforderungen und Entwicklungen.

Feuerwehrleute

Innovationen bringen auch neue Risiken mit sich: Wie löscht man ein brennendes Fahrzeug mit Lithiumbatterie?

Quelle: iStock.com/ollo

Was planen Sie konkret, um den Austausch zwischen beiden Seiten zu verbessern?

Wir wollen zunächst systematisch die Forschungsbedarfe und Fähigkeitslücken zu übergeordneten Themen bei den BOS erheben und mit ihnen gemeinsam priorisieren. Auf einem digitalen Kick-off-Workshop wollen wir die BOS und die KMU zusammenbringen, sodass sie sich direkt miteinander austauschen und ihre jeweiligen Erwartungen formulieren können. Im Sommer 2021 planen wir – wenn die Umstände es zulassen - eine große Konferenz als Höhepunkt des Projektes. Eine digitale Plattform, über die sich beide Seiten dauerhaft austauschen können, verstetigt das Projekt und wird von der BAM dauerhaft betreut.

Was prädestiniert die BAM für diese Aufgabe?

Wir können beide Welten wirklich zusammenbringen, sind einerseits mit den BOS gut vernetzt und werden von ihnen als unabhängige Partnerin mit umfangreicher wissenschaftlich-technischer Kompetenz geschätzt. Aber auch zu den KMU bestehen enge Verbindungen und Netzwerke, z.B. über die vielen Prüfungen von Geräten und Zertifizierungen, die die BAM erbringt, aber auch über Beratungen und Gremienarbeit.

Gibt es eine technische Anwendung, die Sie bei Ihren Einsätzen beim THW bisher besonders vermissen?

Die erste Phase eines Einsatzes, die Erkundung, ist oftmals eine der schwierigsten Situationen, da die Gefahren noch nicht oder nur sehr ungenau bekannt sind. Daher sind alle Techniken und Hilfsmittel, die bei der Ermittlung eines umfassenden Lageüberblicks unterstützen, sehr hilfreich. Vor allem, wenn sich dadurch Einsatzkräfte nur kurz oder vorerst gar nicht in den Gefahrenbereich begeben müssen.

Erkundung des Einsatzgebietes

Die Erkundung ist oft die schwierigste Phase eines Einsatzes, da die Gefahren noch nicht genau bekannt sind.

Quelle: iStock.com/Cylonphoto