Dirk Bettge, Christian Klinger, Astrid Zunkel

Schadensdetektiv*innen bei der Arbeit: Dirk Bettge, Christian Klinger, Astrid Zunkel (v.l.n.r.)

Quelle: BAM

Schadensdetektive: Ursachen klären und aus Schäden lernen

Systematische Schadensanalysen gehörten bereits kurz nach Gründung der BAM vor 150 Jahren zu einem wichtigen Aufgabenfeld. Heute dient die oftmals detektivische Kleinarbeit nicht nur der Aufdeckung von Ursachen, sondern vor allem dazu, in Zukunft wirtschaftliche sowie Personen- und Umweltschäden zu vermeiden.

Fragt man Astrid Zunkel, Christian Klinger und Dirk Bettge nach ihrem Beruf, antworten sie, dass sie im Grunde genommen „Detektive“ seien. Systematisch, geduldig, und akribisch gehen sie Schäden an Anlagen, Bauteilen und Werkstoffen auf den Grund, um dadurch wichtige Erkenntnisse zu gewinnen, die im Rahmen einer nachhaltigen Schadensvorbeugung oft eine wichtige Rolle spielen. Wir haben die drei Schadensdetektiv*innen getroffen, um mehr über die Arbeit der BAM in diesem Bereich zu erfahren.

Warum beschäftigt sich die BAM als wissenschaftlich-technische Einrichtung mit Schadensanalysen?

Christian Klinger: Schadensanalysen zählen – neben zahlreichen anderen Dienstleistungen, mit denen wir als BAM für Sicherheit in Technik und Chemie sorgen, von jeher zu unserem „Brot- und Buttergeschäft“. Schließlich ist es für den Erfolg einer Industrienation wie Deutschland von großer Bedeutung, neue, zukunftsweisende und nachhaltige Technologien sicher zur Marktreife zu bringen. Schadensanalysen spielen in diesem Kontext eine sehr wichtige Rolle: Durch die systematische, unabhängige, vorbehaltlose und vollständige Aufklärung von Schadensfällen gewinnen wir wertvolle Informationen darüber, wie sich zum Beispiel bestimmte Materialien in Extremsituationen verhalten oder wann wichtige Bauteile gefährdet sind. Mit den gewonnenen Erkenntnissen können wir mögliche Sicherheitsrisiken und Gefahren neuer Technologien, Verfahren und Materialien identifizieren und so dazu beitragen, diese bestmöglich auszuschließen.

Seit wann beschäftigt sich die BAM mit Schadensanalysen und wer sind heute die Auftraggeber?

Astrid Zunkel: Mit eine der ersten Schadensanalysen in Deutschland, wie sie die BAM auch heute noch durchführt, galt der Detonation von mit Wasserstoff gefüllten Gasflaschen auf dem Tempelhofer Feld in Berlin im Jahr 1894. Mit der Untersuchung der Unglücksursache wurde Adolf Martens, Pionier der Materialforschung und Leiter der Königlich-Preußischen Materialprüfungsanstalt, einer der Vorgängerinstitutionen der BAM, beauftragt. Damals wurde deutlich, welche Gefahren neue Technologien mit sich bringen können. Und deshalb wurde auch vermehrt in die Materialforschung und innerhalb dieser Disziplin in Schadensanalysen investiert.

Dirk Bettge: Schadensanalysen spielen für die BAM auch 150 Jahre nach ihrer Gründung eine wichtige Rolle. Interessanterweise nach wie vor auch im Bereich Wasserstoff, der im Rahmen der Energiewende eine zentrale Funktion einnimmt. Hierzu hat die BAM 2020 das Kompetenzzentrum H2Safety@BAM gegründet, in dem die geballte Wasserstoff-Kompetenz der BAM gebündelt wurde und bei dem auch unsere Schadensanalytiker*innen eingebunden sind. Gemeinsam mit unseren Projektpartner*innen wollen wir Vertrauen in Wasserstoff-Technologien schaffen und so den sicheren Markthochlauf des Grünen Wasserstoffs unterstützen. Ohne Erkenntnisse aus Schäden aus Laborversuchen an Herstellungsanlagen, Transportbehältnissen oder Wasserstoff-Tankstellen wäre das nicht möglich.

Christian Klinger: Neben unseren eigenen Forschungsprojekten arbeiten wir im Bereich der Schadensanalysen natürlich auch für Gerichte, Staatsanwaltschaften, die Kriminalpolizei und Versicherungen, für die wir die technischen Ursachen eines Schadens klären. Darüber hinaus arbeiten wir sehr eng mit unterschiedlichen Industrieunternehmen, Bundesministerien und Behörden wie dem Seeamt, dem Kraftfahrtbundesamt und der Bundesnetzagentur zusammen.

Welche Schadensanalysen hat die BAM in den letzten fünf Jahren durchgeführt? Gibt es prominente Beispiele?

Christian Klinger: Allein in den letzten fünf Jahren haben unsere Expert*innen rund 110 Schadensfälle aus den unterschiedlichsten Bereichen untersucht. Dabei ging es unter anderem um die Explosion in einer Raffinerie, um geborstene Lager und Getriebe in Windkraftanlagen, ausgefallene Wärmeüberträger in einem Kraftwerk bis hin zu einer defekten Sauerstoffversorgungsanlage in einer medizinischen Hochschule. Aktuell bearbeiten wir 15 Fälle. Genaue Angaben dürfen wir hierzu jedoch nicht machen, da es bei den meisten Projekten um sensible Informationen und Daten geht, die der Vertraulichkeit unterliegen. Über einige ältere Fälle dürfen wir aber heute sprechen ...

Was macht die besondere Kompetenz der BAM im Bereich Schadensanalysen aus? Welche Ansätze, Methoden und Expertisen finden sich hierzu an der BAM?

Dirk Bettge: Die BAM verfolgt im Bereich der Schadensanalyse einen interdisziplinären Ansatz, der in dieser Form nur von einem thematisch breit aufgestellten Institut wie der BAM geleistet werden kann, die praktisch alle relevanten Fachrichtungen unter einem Dach vereint. Der direkte Draht der Schadensanalyse zu Kolleg*innen aus allen Fachbereichen der BAM ist hier extrem wichtig. Nur mit dieser engen und direkten Zusammenarbeit lassen sich komplexe Schadensfälle angehen und lösen, wie z.B. die besonders spektakulären Fälle der eingeknickten Strommasten im Münsterland 2005 oder die gebrochene ICE-Radsatzwelle im Jahre 2008. An solchen Fällen sind u.a. Maschinenbauer, Werkstofftechniker, Chemiker, Bauingenieure, Schweißfachingenieure, Zerstörungsfreie Prüfung und Biologen beteiligt. Außerdem und nicht zuletzt die BAM-eigenen Werkstätten. Sie bringen ihre Methoden ein und denken mit uns zusammen über die Fälle nach, das ergibt oft überraschende Ideen und Sichtweisen, die uns weiterbringen und am Ende zur Lösung der Fälle beitragen.

Astrid Zunkel: Wichtig ist auch, dass die BAM als öffentliche Einrichtung systematische Schadensanalysen strikt unabhängig durchführt. Damit stellen wir eine absolut neutrale Aufklärung sicher. Die Beauftragung kann durch mehrere Beteiligte erfolgen, aber auch schieds- sowie gerichtsgutachterliche Tätigkeiten können mit uns vereinbart werden. Damit sind wir die ideale Partnerin, ganz gleich, ob es um die Analyse von Schäden oder auch um die Schadensprävention geht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Kontakte

Dr.-Ing. Christian Klinger
Christian.Klinger[at]bam.de, +49 30 8104-1533, Schwerpunkte: Betriebsfestigkeit, Konstruktion
Dr.-Ing. Dirk Bettge
Dirk.Bettge[at]bam.de, +49 30 8104-1512, Schwerpunkte: Fraktografie, visuelle makro- und mikroskopische Untersuchungen
Dipl.-Ing. Astrid Zunkel
Astrid.Zunkel[at]bam.de, +49 30 8104-3178, Schwerpunkte: Korrosion, interne Organisation