Dr. phil. Marija Bertovic
Quelle: BAM
Marija Bertovic forscht an der BAM seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Mensch und moderner Prüftechnik. Ihre Arbeit zeigt, wie entscheidend die menschliche Faktoren auch in hochautomatisierten Prozessen bleiben und warum sie maßgeblich zur Sicherheit und Verlässlichkeit zerstörungsfreier Prüfverfahren beitragen. Für ihre wissenschaftlichen Leistungen wurde sie 2025 mit dem renommierten Roy Sharpe Prize vom British Institute of Non-Destructive Testing (BINDT) ausgezeichnet, einer internationalen Ehrung, die die Bedeutung ihrer Forschung unterstreicht.
Im Interview spricht sie über ihren Weg zur BAM, zentrale Erkenntnisse ihrer Arbeit und darüber, welchen Rat sie der nächsten Generation von Wissenschaftler*innen mit auf den Weg geben möchte.
Wie sind Sie zur BAM gekommen und was fasziniert Sie bis heute an Ihrer Arbeit in der zerstörungsfreien Prüfung?
Ich bin 2006 erstmals im Rahmen eines Stipendiums als Gastwissenschaftlerin für zwei Monate zur BAM gekommen. Als Psychologin habe ich damals in einer Arbeitsgruppe zur Zuverlässigkeit der zerstörungsfreien Prüfung (ZfP) gearbeitet. Dort wurde ein Modell entwickelt, das sich auch in der Fachcommunity etabliert hat: Zuverlässigkeit in der ZfP hängt nicht nur von der technischen Leistungsfähigkeit eines Prüfverfahrens ab, sondern wesentlich auch von seiner Anwendung und von menschlichen Faktoren.
In dieser Zeit wurde mir klar, wie entscheidend menschliche Faktoren für Sicherheit sind. Selbst die beste Technologie entfaltet ihr Potenzial nur, wenn sie gut in die Arbeit der Nutzenden integriert ist. Dieses Zusammenspiel von Mensch und Technik hat mich von Anfang an fasziniert.
Was mich besonders begeistert, ist der konkrete Impact meiner Arbeit: Mit meiner Forschung kann ich direkt zur Sicherheit von Bauteilen und Infrastrukturen beitragen – und gleichzeitig zur Sicherheit der Menschen und zu ihrer Zufriedenheit im Job. Sie erforschen den „menschlichen Faktor“ in der ZfP.
Welche Fragen stehen für Sie dabei im Mittelpunkt und warum?
Der Begriff „menschlicher Faktor“ wird häufig so verstanden, dass es vor allem um individuelles Verhalten oder das Vermeiden menschlicher Fehler geht. Dieser Aspekt spielt auch eine Rolle, greift jedoch zu kurz. Genau hier setzt meine Arbeit an: Menschliche Faktoren (engl. human factors) als wissenschaftliche Disziplin betrachten alle Einflüsse, die Menschen bei der Arbeit beeinflussen und sich auf Gesundheit und Sicherheit auswirken können. Dazu gehören individuelle Charakteristika, aber ebenso das Zusammenspiel von Menschen, Technologie, Arbeitsumgebung, Organisation und dem interorganisationalen Umfeld.
Die zentrale Frage ist daher zu verstehen, wie diese Faktoren Menschen bei der Arbeit beeinflussen – und was wir tun können, um negative Effekte zu vermeiden.
Sie wurden 2025 mit dem Roy Sharpe Prize ausgezeichnet. Welche Bedeutung hat dieser Preis für Sie und Ihre Forschung?
Obwohl menschliche Faktoren als Forschungsgebiet insgesamt sehr gut untersucht sind, werden sie in der zerstörungsfreien Prüfung bislang nur vergleichsweise selten systematisch erforscht. Das zeigt sich auch daran, dass sich in den letzten rund 20 Jahren weltweit nur eine Handvoll Institute intensiv mit menschlichen Faktoren in der ZfP beschäftigt hat. Die ZfP-Community ist sich durchaus bewusst, dass menschliche Faktoren Prüfungen beeinflussen – häufig fehlt jedoch ein tieferes Verständnis dafür, was das konkret bedeutet und wie diese Einflüsse sinnvoll berücksichtigt werden können.
Und genau deshalb bedeutet mir der Roy Sharpe Prize viel. Zusammen mit dem Wissenschaftspreis der Deutschen Gesellschaft für Zerstörungsfreie Prüfung (DGZfP), den ich 2018 erhalten habe, zeigt er mir, dass die internationale ZfP-Community diese Forschung wahrnimmt und wertschätzt. Das bestätigt, dass diese Arbeit sinnvoll ist und gebraucht wird – und das gibt mir Rückenwind.
Welche zentralen Erkenntnisse konnten Sie in Ihrer prämierten Forschung gewinnen – und weshalb sind sie für die ZfP so relevant?
Eine zentrale Erkenntnis meiner Forschung ist, dass menschliche Fehlhandlungen in der ZfP nicht zufällig sind und nicht auf individuelles Versagen reduziert werden können. Sie entstehen aus dem Zusammenspiel von Mensch, Technik und Organisation.
In meiner Promotion konnte ich zeigen, dass Automatisierung kein Allheilmittel gegen menschliche Fehler ist: Zwar lassen sich bestimmte bekannte Fehler reduzieren, gleichzeitig entstehen aber neue Risiken – etwa durch veränderte Rollen, Übervertrauen oder den Verlust von Fertigkeiten.
Ähnlich zeigt sich das auch in meinen aktuellen Arbeiten zu Assistenztechnologien, einschließlich KI-basierter Systeme: Akzeptanz und sichere Nutzung entstehen nicht automatisch durch gute Algorithmen oder hohe Leistungsfähigkeit, sondern nur dann, wenn Menschen von Anfang an systematisch berücksichtigt werden. Diese Erkenntnisse sind nicht nur für die ZfP relevant, sondern gelten grundsätzlich für alle sozio-technischen Systeme.
Welchen Rat würden Sie jungen Wissenschaftler*innen geben, die in die zerstörungsfreie Prüfung einsteigen möchten?
Die ZfP ist ein stark interdisziplinäres Feld, und genau das macht sie so spannend. Mein wichtigster Rat ist, neugierig zu bleiben und offen über die eigene Fachdisziplin hinauszudenken. Viele relevante Fragestellungen entstehen erst dort, wo Technologie auf reale Anwendung und Arbeitsprozesse trifft.
Gerade für Psycholog*innen, die im Bereich menschlicher Faktoren forschen möchten – in der ZfP, aber auch darüber hinaus – gilt: Man sollte keine Scheu vor Anwendungsforschung haben. Sie ist nicht immer „sauber“ oder perfekt, aber sie liefert oft die aussagekräftigsten Ergebnisse.
Was für alle gilt: Der Austausch über Disziplingrenzen hinweg ist entscheidend. Gerade an diesen Schnittstellen entsteht der größte Mehrwert – nicht nur für die ZfP, sondern für viele andere sicherheitsrelevante, sozio-technische Bereiche.