„Feldhase“ (nach Albrecht Dürer), Ausschnitt, Klassik Stiftung Weimar, Inv. -Nr.: 507379, heutiger Zustand der Zeichnung

„Feldhase“ (nach Albrecht Dürer), Ausschnitt, Klassik Stiftung Weimar, Inv. -Nr.: 507379, heutiger Zustand der Zeichnung

Quelle: Klassik Stiftung Weimar

In der Klassik Stiftung Weimar wird eine kolorierte Zeichnung auf Kalbspergament aufbewahrt, die gemeinhin als wenig qualitätvolle Kopie des von Albrecht Dürer gezeichneten Hasen aus der Albertina in Wien angesehen wird. Die Zeichnung ist zwar mit dem Monogramm Albrecht Dürers versehen, scheint jedoch keine eigenhändige Arbeit des Meisters zu sein. Als mögliche Zeichner werden Georg Hoefnagel (1542–1600) oder auch Giuseppe Bossi (1777–1813) diskutiert. Bisherige restauratorische Untersuchungen konnten keinen Aufschluss über die Entstehungszeit der Zeichnung geben.

Prof. Oliver Hahn und Prof. Ira Rabin arbeiten an der BAM im Fachbereich Kunst- und Kulturgutanalyse und sind zugleich an der Universität Hamburg im Sonderforschungsbereich „Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa“ tätig. In Kooperation mit den in Weimar zuständigen Kollegen für Restaurierung, Konservierung und Kunsttechnologie, Uwe Golle und Carsten Wintermann, sind sie der Frage der Urheberschaft erneut nachgegangen. Von wann und von wem ist nun der Hase? Und wie lässt sich dies bestimmen ohne die bereits fragile Zeichnung zu beschädigen?

Mit der Röntgenfluoreszenzanalyse dem Hasen auf der Spur

Die Weimarer Zeichnung, die bereits mehrfach zur Bestimmung der Farbmittel untersucht wurde, ist in einem schlechten Erhaltungszustand. Die Oberfläche ist sehr dunkel, teilweise abgerieben und weist Stockflecken auf; durch einen möglichen Wasserschaden sind einige Partien nicht mehr lesbar. Bildgebende Untersuchungen sollten daher Aufschluss über den Entstehungsprozess der Zeichnung geben und die Grundlage für eine Neubewertung des Objektes bilden.

Die Röntgenfluoreszenzanalyse wird als klassische Methode der bildgebenden Verfahren eingesetzt, wenn die elementare Zusammensetzung von Materialien untersucht werden soll – so auch in der Kunst- und Kulturgutanalyse. Wie genau funktioniert das?

Bei dem Verfahren wird eine Materialprobe hochenergetischer Röntgenstrahlung ausgesetzt. Die Strahlung tritt in Wechselwirkung mit der Materie und die angeregten Atome senden nun ihrerseits charakteristische Strahlung aus. Im Detail heißt das: Zu Beginn des Röntgenfluoreszenzprozesses wechselwirkt die Primärstrahlung mit der Elektronenhülle des Atoms. Dabei wird ein kernnahes Elektron aus der Elektronenhülle des Atoms herausgeschlagen und das Atom in einen energetisch höheren, angeregten Zustand überführt. Aus diesem Anregungszustand kehrt das Atom schnell zurück in den Grundzustand, indem ein Elektron aus einer weiter außenliegenden Elektronenhülle den Platz des herausgeschlagenen Elektrons einnimmt. Die Energiedifferenz zwischen beiden Zuständen wird in Form eines Röntgenquants abgestrahlt. Diese Röntgenfluoreszenz wird mit einem geeigneten Detektor ermittelt und gibt Auskunft darüber, in welcher Konzentration welche Elemente vorliegen. Dabei ist die Energie der emittierten Röntgenstrahlung charakteristisch für ein bestimmtes chemisches Element, die Signalintensität erlaubt Rückschlüsse auf die vorhandene Menge.

Die Locken geben Aufschluss

Die Zeichnung des Weimarer Hasen wurde im vorliegenden Fall an der BAM im Fachbereich Kunst- und Kulturgutanalyse mit einem Röntgenfluoreszenz-Portalscanner in Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich der Universität Hamburg analysiert. Durchgeführt wurde der RFA-Scan mit dem Jet Stream der Firma Bruker Nano GmbH mit Rhodium-Röntgenröhre. Ergebnis sind verschiedene Elementverteilungsbilder, die einzelne chemische Elemente wie Eisen, Blei und Zink visuell darstellen.

Vergleicht man in einem ersten Schritt den heute überlieferten Zustand der Zeichnung mit den Elementverteilungsbildern von Eisen und Blei, wird deutlich, dass die Zeichnung des Fells eigentlich viel feiner angelegt ist. Durch den schlechten Erhaltungszustand ist diese zeichnerische Präzision heute nicht mehr sichtbar.

Elementverteilungsbilder von Eisen (Fe) und Blei (Pb)

Elementverteilungsbilder von Eisen (Fe) und Blei (Pb)

Quelle: BAM

Bei weiterer Betrachtung der Elementverteilungsbilder fällt auf, dass es sich hier nicht um eine reine Kopie des „Dürer-Hasen“ handeln kann. Die malerische Auffassung des Fells ist eine ganz andere. Im Falle des „Dürer-Hasen“ aus der Albertina liegt eine geradlinige Struktur der einzelnen Haare vor, die der Realität wohl deutlich näherkommt. Bei dem Weimarer Hasen sind die Haare in Locken gelegt – eine andere Zeichentechnik. Dies lässt einen früheren Entstehungsprozess vermuten; demnach kämen weder Hoefnagel noch Bossi als Urheber nicht in Frage. Diese Hypothese müsste jedoch noch durch vergleichende kunstwissenschaftliche Analysen verifiziert werden.

Detail des „Dürer-Hasen“ aus der Albertina, Inv.-Nr.: 3073 (links); Detail des Elementverteilungsbildes von Blei von dem Hasen aus der Graphischen Sammlung Weimar (rechts)

Detail des „Dürer-Hasen“ aus der Albertina, Inv.-Nr.: 3073 (links); Detail des Elementverteilungsbildes von Blei von dem Hasen aus der Graphischen Sammlung Weimar (rechts)

Quelle: Albertina Sammlungen online (links), BAM (rechts)

Das Verteilungsbild des Elements Zink erklärt schließlich den schlechten Erhaltungszustand der Zeichnung: Eine Substanz ist über den mittleren Bereich der Zeichnung gelaufen und hat diese beschädigt. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Malfarbe, die Zinkweiß enthielt. Damit konnte auch geklärt werden, dass die Zeichnung nicht flächig mit zinkhaltigen Pigment angelegt wurde.

BAM forscht an Weiterentwicklung zerstörungsfreier Analysemethoden

Das Beispiel des Weimarer Hasen zeigt eindrücklich, wie bildgebende Verfahren durch die Visualisierung von Materialität unsere Sehweise auf das Artefakt verändern können. Erst so werden feinste Linien und Farbspuren sichtbar, die mit dem bloßen Auge nicht zu erfassen sind.

Naturwissenschaftliche Verfahren sind längst fester Bestandteil bei der materialwissenschaftlichen Untersuchung von Kunst- und Kulturgut. Zerstörungsfreie Analysen erlauben Untersuchungen ohne Probenentnahmen und schonen so die wertvollen Objekte. Verwendet werden bildgebende Verfahren wie die Computertomographie, die Radiographie oder die Multispektralanalyse. Sie visualisieren für das menschliche Auge nicht sichtbare Inhalte wie Vorzeichnungen, Pentimenti – zum Beispiel farbliche oder physische Korrekturen des Künstlers am Werk – oder innere Strukturen. Die entstehenden neuen Bilder verändern die Sichtweise auf das kulturelle Artefakt, da sie tiefere Einblicke in den Herstellungsprozess, den Aufbau oder den Erhaltungszustand geben können. Und sie dokumentieren Veränderungen, denen ein Objekt unterworfen wurde.

Damit geben solche Analysemethoden wichtige Hinweise zur Beantwortung von kulturhistorischen Fragestellungen, die mit geisteswissenschaftlichen Methoden alleine nicht zu lösen sind. Darüber hinaus ermöglichen sie eine Charakterisierung umweltbedingter Materialschäden. Eine wichtige Information, um geeignete Restaurierungs- oder Konservierungskonzepte zu erstellen. Neben der Weiterentwicklung von zerstörungsfreien Analysemethoden begleitet die BAM auch diese restauratorischen und konservatorischen Maßnahmen.

Dank

Dies hier dargestellte Fallbeispiel beruht auf der engen Kooperation zwischen der BAM, der Klassik Stiftung Weimar und dem Sonderforschungsbereich 950 „Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa“, gefördert von der DFG.