09.11.2018
BAM-Doktorandin Anna Raysyan mit einem Schnelltest

„Schwangerschaftstest“ für Muttermilch: BAM-Doktorandin Anna Raysyan entwickelt einen Schnelltest, um medizinische Wirkstoffe schnell und einfach messbar zu machen.

Quelle: BAM, Fachbereich Umweltanalytik

Stillende Mütter kommen manchmal nicht umhin, Medikamente einnehmen zu müssen. Die Konzentration eines Arzneistoffes im Blut der Mutter beeinflusst jedoch direkt dessen Menge in der Muttermilch. Meist wird geraten, am besten kurzwirksame Arzneimittel unmittelbar nach dem Stillen einzunehmen, damit die Arzneistoffkonzentration mit dem Blut bereits abtransportiert ist, wenn der Säugling wieder Hunger bekommt. Was bleibt, ist die Unsicherheit, ob und wenn ja wieviel vom Arzneistoff mit der Muttermilch doch noch weitergeben wird.

Anna Raysyan ist Doktorandin an der BAM im Fachbereich Umweltanalytik und hat einen so einfach wie genialen Schnelltest entwickelt: Nur wenige Tropfen Muttermilch genügen und schon fünf Minuten später lässt sich am Ergebnis ablesen, ob und wenn ja, wie hoch die Arzneistoffkonzentration in der Muttermilch aktuell ist. Eine App soll es auch dazu geben. Mit Ihrer Forschung schaffte es die Doktorandin unter die 100 Besten des internationalen Wettbewerbes Falling Walls Lab.

Anna Raysyan, was erforschen Sie genau?

Ich interessiere mich für die Immunanalytik und die damit verbundenen Methoden zur Untersuchung von Schadstoffen in der Umwelt. Hierzu untersuche ich insbesondere ökotoxische Verbindungen und endokrine Disruptoren – also Stoffe mit hormonähnlicher Wirkung. Eine wichtige Methode ist zum Beispiel der sogenannte Lateral Flow Immunoassay, ein Streifentest ähnlich dem Schwangerschaftstest. Damit habe ich meinen ersten Schadstoff analysiert: Bisphenol A, kurz BPA. Das ist eine hormonell wirksame Verbindung, die von bestimmten Kunststoffen freigesetzt wird. Jetzt verwende ich dieselbe Methode für meine Forschung zum Nachweis des Schmerzmittels Diclofenac in der Muttermilch.

Warum haben Sie sich gerade für dieses Thema entschieden?

Ich habe an der I. M. Sechenov First Moscow State Medical University mein Pharmazie-Studium absolviert. Durch die erworbenen Medizinkenntnisse haben mich Familie und Freunde oft nach Nebenwirkungen von Medikamenten gefragt; besonders deren Auswirkungen auf Säuglinge. Ein Beispiel: Ein Arzt hat einmal meiner Cousine Diclofenac, ein weit verbreitetes Schmerzmittel, verschrieben. Sie sollte es regelmäßig über mehrere Wochen nehmen. Sie hatte jedoch gerade ihr Kind zur Welt gebracht und war natürlich besorgt, ob das Medikament durch das Stillen nicht an ihr Kind weitergegeben würde bzw. negative Auswirkungen haben könnte. Das war für mich ein Schlüsselmoment. Ich wollte einen Test entwickeln, der allen Frauen in einer solchen Situation ermöglichen würde, die Konzentration von medizinischen Wirkstoffen in ihrer Muttermilch selbst zu überprüfen. Warum auch nicht? Schließlich bin ich Wissenschaftlerin und verfolge ethische Ideale. Der Test sollte so einfach zu verwenden sein, wie ein Schwangerschaftstest. Und am besten mit einer App verbunden werden, um Ergebnisse speichern und übertragen zu können.

Wie geht es weiter – welche Ideen haben Sie noch?

Heutzutage sind Schwangerschaftstests die häufigsten diagnostischen Tests, die zu Hause verwendet werden. Mein Schnelltest ermöglicht es, Diclofenac in der Muttermilch zu analysieren und das Messergebnis auf dem Smartphone zu speichern. In einem nächsten Schritt soll der Test auch für andere medizinische Wirkstoffe funktionieren. Und es sind noch weitere Untersuchungen zur Qualitätssicherung sowie eine gründliche Validierung der Genauigkeit der Ergebnisse in realen Muttermilchproben durchzuführen. Die App sollte auf eine gesicherte Website führen, wo es dann weitere Informationen gibt. In Zweifelsfällen kann das Ergebnis direkt mit einer Ärztin oder einem Arzt besprochen werden. Diese Entwicklungen sind aber nicht mehr Teil meiner Doktorarbeit; sie könnten später bei der BAM oder über eine Ausgründung fortgeführt werden. Mein Forschungsziel ist es, Frauen zu helfen, ihre Muttermilch selbst zu kontrollieren – ohne dazu zum Arzt gehen zu müssen; ganz komfortabel von zuhause aus.