Ein Team aus BAM und PTB sitzt an einem Tisch und untersucht, wie eine weltweit möglichst einheitliche Bewertung und Einstufung gefährlicher Chemikalien aussehen kann

Ein Team aus BAM und PTB hat untersucht, wie eine weltweit möglichst einheitliche Bewertung und Einstufung gefährlicher Chemikalien aussehen kann. Seitens der BAM dabei (v.l.n.r.): Dr. Klaus-Dieter Wehrstedt, Dr. Silke Schwarz, Dr. Cordula Wilrich, Dr. Heike Michael-Schulz und Dr. Volkmar Schröder

Quelle: BAM

Damit gefährliche Chemikalien, sicher verwendet werden können, sind sie entsprechend ihren Eigenschaften, wie beispielsweise Brennbarkeit, exakt zu kennzeichnen. Das ist über ein global harmonisiertes System geregelt. Dennoch werden nicht alle Chemikalien in allen Ländern gleich eingestuft. Ein Team der BAM aus der Abteilung Chemische Sicherheitstechnik und der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) hat nun untersucht, wie eine weltweit möglichst einheitliche Bewertung aussehen und gelingen kann. Ergebnisse der Untersuchungen hat das Autorenteam im Paper "UN-GHS – Physical hazard classifications of chemicals: A critical review of combinations of hazard classes" zusammengefasst. Der Artikel zählt seit mehr als zwei Monaten zu den „most downloaded Papers“ des renommierten Journal of Chemical Health & Safety.

Dr. Cordula Wilrich, Ihre Veröffentlichung hat ja einen etwas "sperrigen" Titel – wen betrifft das Thema überhaupt?

Es geht um die Kennzeichnung gefährlicher Chemikalien und die betrifft uns alle, also die Hersteller, die kennzeichnen müssen und die Anwender, die die Kennzeichnung verstehen müssen. Jeder hat wohl schon mal Piktogramme auf Chemikalien gesehen, wie z.B. eine Flamme in roter Raute auf einem Deospray. Für diese Einstufung und Kennzeichnung von gefährlichen Chemikalien gibt es ein internationales System, das "Globally Harmonized System of Classification and Labelling" – kurz „UN-GHS“, das in einem Gremium bei den Vereinten Nationen erarbeitet wird.

verschiedene Chemikalienbehälter mit unterschiedlichen Kennzeichnungen

Oft gelten für eine Chemikalie unterschiedliche Gefahrenklassen, die in geeigneter Weise kombiniert werden müssen, um eine sichere Verwendung zu gewährleisten

Quelle: BAM

Und was haben Sie damit zu tun?

Ich bin Mitglied der deutschen Delegation im entsprechenden GHS-Gremium und vertrete als solche die Fachkompetenz der BAM im Bereich der physikalischen Gefahren. Wir sind also gefragt, wenn es um die Brand- und Explosionsgefährdungen durch Chemikalien geht.

Was war das Anliegen Ihrer Veröffentlichung?

Auch wenn es ein global harmonisiertes System von Kriterien zur Einstufung von gefährlichen Chemikalien gibt, heißt das noch lange nicht, dass alle Chemikalien auch überall auf der Welt gleich eingestuft und gekennzeichnet werden. Selbst in den Ländern, die das UN-GHS übernommen, es also sozusagen "ratifiziert" haben, kann es noch Unterschiede geben, aus verschiedensten Gründen. Und das hat unerwünschte oder sogar gefährliche Folgen: Auf der einen Seite kann eine unterschiedliche Einstufung und Kennzeichnung von ein und derselben Chemikalie im schlimmsten Fall dazu führen, dass die sichere Handhabung nicht gewährleistet ist. Auf der anderen Seite erschwert es den Handel mit Chemikalien, da beim Export immer geklärt werden muss, welche Regelungen und "Interpretationen" des UN-GHS in dem jeweiligen Exportland nun gelten.

Unterschiedliche „Interpretation“ der Kriterien heißt…?

Das UN-GHS teilt die Gefährdungen nach ihrer "Natur" entsprechend festgelegten Kriterien in Gefahrenklassen ein. Insgesamt besteht das GHS aus 29 Gefahrenklassen, 17 betreffen unser Arbeitsgebiet, die physikalischen Gefahren, also die Brand- und Explosionsgefährdungen durch Chemikalien. In diesem Bereich gibt es ein (noch) sehr unterschiedliches Verständnis dafür, ob auch mehrere der 17 physikalischen Gefahrenklassen gleichzeitig für eine Chemikalie "zutreffen" können. Kann und soll z.B. ein Explosivstoff zusätzlich auch als entzündbarer (brennbarer) Feststoff eingestuft werden? Und diese Frage stellt sich dann prinzipiell für alle Kombinationen der 17 Gefahrenklassen.

Warum sind denn Regeln für Kombination von Gefahrenklassen wichtig?

Einmal soll die Einstufung von Chemikalien von jeder Firma mit vertretbarem Aufwand leistbar sein. Und da kann eine "Rationalisierung" des Einstufungssystems eine enorme Hilfestellung sein. Aber tatsächlich sind auch Sicherheitsaspekte zu bedenken: Die Prüfmethoden zur Einstufung können selber zu Gefährdungen führen, wenn der "falsche" Stoff geprüft wird. In unserem Beispiel oben könnte es zu gefährlichen Reaktionen kommen, wenn ein Explosivstoff mit der für entzündbare Feststoffe vorgesehenen Prüfmethode auf seine Abbrandgeschwindigkeit hin geprüft wird. Daher wäre es besser, wenn solche Kombinationen von vornherein ausgeschlossen werden.

Das klingt nach vielen Versuchen und Überlegungen…

Eine systematische Untersuchung aller 17 physikalischen Gefahrenklassen im Hinblick auf ihre Vereinbarkeit, also Kompatibilität mit den anderen Gefahrenklassen erfordert genaueste Kenntnis aller Kriterien und Erfahrung mit den anzuwendenden Prüfmethoden. Daher waren Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Fachbereichen der Abteilung Chemische Sicherheitstechnik der BAM und eine Kollegin aus der PTB beteiligt. Gemeinsam war es möglich, die Expertise zu allen physikalischen Gefahrenklassen des UN-GHS aufzubringen und umfassend in einem wissenschaftlichen Paper zu diskutieren. Mit dem Journal of Chemical Health & Safety haben wir eine Zeitschrift gefunden, bei der unser Thema und Anliegen genau in das Spektrum passt. Und das so gut, dass unser Artikel nun schon seit Monaten auf Platz 2 unter den am meisten heruntergeladenen Artikeln ist.

Was war denn das Ergebnis Ihrer Untersuchungen?

Unsere Ergebnisse haben wir in einer Kreuztabelle mit den Kombinationen aller 17 physikalischen Gefahrenklassen zusammengefasst. Letztlich hat unsere Untersuchung gezeigt, dass nur die wenigstens der Kombinationen wirklich relevant und sinnvoll anwendbar sind, diese haben wir in der Kreuztabelle in grün gekennzeichnet. Die meisten der Kombinationen sind entweder nicht relevant oder können sogar kontraproduktiv sein. Diese sind in rot oder orange gekennzeichnet.

Nur die wenigstens Gefahrenklassen sollten miteinander kombiniert werden, hier in der Kreuztabelle grün gekennzeichnet

Nur die wenigstens Gefahrenklassen sollten miteinander kombiniert werden, hier in der Kreuztabelle grün gekennzeichnet

Quelle: UN-GHS – Physical hazard classifications of chemicals: A critical review of combinations of hazard classes, Journal of Chemical Health & Safety

Und wie geht es jetzt weiter?

Wir hoffen, dass diese Fragestellung im GHS-Gremium der Vereinten Nationen diskutiert und letztlich ein gemeinsames Verständnis über "zulässige" bzw. "unzulässige" Kombinationen von physikalischen Gefahrenklassen entwickelt wird. Dazu haben wir in der letzten Sitzung des GHS-Gremiums unsere Veröffentlichung vorgestellt und sind aufgefordert, die Idee weiterzuverfolgen. Am Ende des wahrscheinlich noch langwierigen Weges erhoffen wir uns eine Ergänzung des UN-GHS mit klaren Informationen zur Einstufung von physikalischen Gefahren. Wir hoffen, dass dies sowohl den Firmen, die Chemikalien in Verkehr bringen als auch allen Anwendern durch eine verbesserte Harmonisierung der Kennzeichnung von gefährlichen Chemikalien zugutekommt.

UN GHS ‒ Physical hazard classifications of chemicals: A critical review of combinations of hazard classes
Cordula Wilrich, Elisabeth Brandes, Heike Michael-Schulz, Volkmar Schröder, Silke Schwarz, Klaus-Dieter Wehrstedt
Journal of Chemical Health & Safety, Volume 24, Issue 6, November–December 2017, Pages 15-28
BAM Abteilung Chemische Sicherheitstechnik