Betonlabor der BAM: Dr. Wolfram Schmidt erklärt afrikanischen Kolleginnen und Kollegen die Vorzüge von Zusatzmitteln.

Betonlabor der BAM: Dr. Wolfram Schmidt erklärt afrikanischen Kolleginnen und Kollegen die Vorzüge von Zusatzmitteln.

Quelle: BAM

Straßen, Eisenbahnlinien, Windkraftfelder – Afrikas Wirtschaft wächst stark und damit auch der Bausektor. Verfügbarkeit und Qualität von Beton schwanken jedoch, weil es wenige Zementfabriken gibt und die Betonbau-Kultur noch relativ jung ist. Die BAM, unter der Leitung von Dr. Wolfram Schmidt, unterstützt afrikanische Wissenschaftler bei der Forschung an Beton und Bindemitteln sowie bei der Organisation von Workshops zu nachhaltigem Zement. Von ihren gemeinsamen Erkenntnissen profitieren auch die Beton-Experten in Europa.

Warum engagiert sich die BAM in Afrika?

Begonnen hat es mit dem von der EU finanzierten SPIN-Programm, das die BAM zwischen 2009 und 2013 koordinierte. Dessen Ausgangsfrage war: Wie könnten innovativer Beton und neue Bauweisen in Afrika aussehen? Dafür haben wir die Beton-Experten Afrikas besucht und uns vor Ort ein Bild gemacht. Gemeinsam haben wir dort und in Berlin Konferenzen veranstaltet, wo wir unsere Forschungsarbeiten diskutiert und Netzwerke gebildet haben. Daraus ist schließlich das KEYS-Projekt entstanden, wo wir speziell mit afrikanischen Nachwuchswissenschaftlern in Dialog treten. Sie sind sehr kompetent, motiviert und kreativ. Wir vernetzen sie untereinander und auch mit deutschen Nachwuchs- und internationalen Spitzenforschern. Mich inspiriert dieser Austausch enorm.

Gibt es weitere Kooperationsprojekte der BAM in Afrika?

Um unsere afrikanischen Partner weiter zu fördern, haben wir gemeinsam mit der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) das PACE PTS-Projekt initiiert. Wir wollen damit die Qualitätsinfrastruktur der afrikanischen Labore verbessern. Die Nachfrage nach besseren Produkten, Bautechniken und Regelwerken ist sehr hoch. Am letzten Ringversuch nahmen 36 afrikanische Labore teil, jetzt startet ein dritter. Die Kollegen prüfen von der BAM versandte Zementproben auf unterschiedliche Parameter und schicken uns ihre Analysen, die wir bewerten. Sie können ihre Methoden kontrollieren und wissen, wo sie im Vergleich zu anderen Laboren auf dem Kontinent stehen. Außerdem haben wir 2013 in Südafrika und Anfang 2016 in Tansania zwei ACCTA-Konferenzen organisiert. Afrikanische und internationale Wissenschaftler konnten sich dort austauschen und ihre Forschungen präsentieren. Diese Netzwerkbildung wollen wir weiter fördern.

Was lernen Sie persönlich aus der Kooperation mit afrikanischen Partnern?

Ich habe mehr gelernt, als ich geben konnte. Anfangs dachte ich: Infrastruktur und Materialbeschaffung sind in Afrika nicht ideal, aber was wir in Europa können, das geht leicht modifiziert auch dort. Dem ist aber nicht so. Es gibt andere Rohstoffe, Zementarten, Lieferketten und Preise sowie Unterschiede in der Architektur und den Bautechniken. Die Kollegen müssen ihre eigene Betonbauweise neu entwickeln – für jedes Land, jede Klimazone und die vorhandenen Produktionsbedingungen. Das geht nur über Kommunikation, Wissenstransfer und den persönlichen Austausch von Experten. 

Was ist Ihre Vision der europäisch-afrikanischen Zusammenarbeit?

In Europa gibt es zahlreiche Normen und Regelwerke. Die haben viele Vorteile, verhindern aber auch, dass Innovationen schnell auf den Markt kommen. Das ist in Afrika anders, weil die Betonindustrie noch relativ jung ist. Dort erlebe ich einen großen Innovationsgeist: Unternehmer versuchen neue Erkenntnisse sofort auf die Baustellen zu bringen. Ihre Kreativität ist unglaublich. Verblüffend ist auch die Bandbreite an Bautechniken. Mit zunehmendem Wissen und technischem Know-how, können unsere Kollegen in Afrika zukünftig bessere und nachhaltigere Betone einsetzen als wir in Europa. Davon können auch wir lernen und das zeichnet eine echte Partnerschaft aus.

Was für ein Potenzial hat die Erforschung nachhaltigen Zements in Afrika?

Klassischer Zement wird oft mit Reststoffen wie Hüttensand oder Flugasche versetzt. Das verbessert die CO2-Bilanz und man kann die Fließeigenschaften und Beständigkeit des Betons gezielt manipulieren. Diese Rohstoffe sind in Afrika oft nicht vorhanden, weil sie aus industriellen Prozessen stammen, die es dort nicht überall gibt. Ihr Import wäre teuer und nicht nachhaltig, denn es gibt in Afrika Alternativen aus der Landwirtschaft: Cassavastärke oder Reisschalenasche. Bei der BAM haben wir mit diesen Stoffen und Ligninsulfonat, einem Reststoff der Zelluloseherstellung, bereits selbstverdichtenden Beton entwickelt. Er unterscheidet sich in seinen Eigenschaften kaum von teuren Spezialprodukten, die erdölbasierte Zusatzmittel beinhalten, welche wir irgendwann ohnehin ersetzen müssen. Alleine werden wir das nicht schaffen. Afrika ist deshalb aus wissenschaftlicher Perspektive besonders interessant, weil wir gemeinsam mit unseren Kollegen Neues entdecken können.