06.08.2018

Eine Frau steht in einer Werkstatt vor einer Wand mit Werkzeug.

Quelle: BAM

Nsesheye Susan Msinjili ist Bauingenieurin und arbeitet seit 2010 im Fachbereich Baustofftechnologie. Sie ist in Tansania aufgewachsen, hat dort studiert und gearbeitet - und eher zufällig den beruflichen Weg nach Berlin eingeschlagen. Als Ostafrikanerin und Organisationstalent ist sie die perfekte Besetzung für deutsch-afrikanische Kooperationen der BAM.

Frau Msinjili, was hat sie nach Deutschland und zur BAM geführt?

Eigentlich der Zufall. Ich hatte in Daressalam mein Bachelor-Studium zur Bauingenieurin gemacht und danach in einem kleinen Beratungsunternehmen gearbeitet. Auf Xing habe ich gelesen, dass die BAM eine Koordinatorin für das EU-Projekt SPIN gesucht hat, in dem es darum ging, innovative und nachhaltige Baumaterialien für die Verwendung in Afrika zu entwickeln. Ich hatte damals nicht geplant, nach Europa zu gehen, aber das Stellenprofil hat sehr gut gepasst. Die BAM hat eine Person gesucht, die Bauingenieur ist, Berufserfahrung hat und die "Do´s and Don´ts" der Bauwirtschaft in Afrika kennt. Von der BAM hatte ich zwar noch nichts gehört, aber ich habe mich natürlich sehr gefreut, dass die Bewerbung erfolgreich war.

Das SPIN-Projekt war 2013 beendet, wie ging es dann für Sie weiter?

Zunächst habe ich parallel zum SPIN-Projekt mit einem Stipendium mein Masterstudium in Edinburgh gemacht. Danach startete, in Zusammenarbeit mit der Volkswagenstiftung, das Projekt KEYS – Knowledge Exchange for Young Scientists. Da haben wir Summer Schools für Master-Studierende, Doktoranden und Postdocs organisiert, und zwar in Tansania, Ghana und Südafrika. Junge Wissenschaftler in Afrika haben oft nicht die Möglichkeit, zu Konferenzen zu reisen, um sich auszutauschen. Deshalb war die Idee, dass wir diesen Austausch in Afrika ermöglichen und das haben wir geschafft: An jedem Symposium haben 18 junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern in Afrika und vier aus Deutschland teilgenommen. Inhaltliche Inputs kamen zudem von acht internationalen Expertinnen und Experten.

Aber KEYS war nicht das einzige Projekt, oder?

Parallel zu KEYS habe ich ein DFG-Projekt angefangen, bei dem wir untersucht haben, welches Potenzial Reisschalen und Reisschalenasche als Material für sogenanntes "Low-Cost-Housing" in Afrika haben. Spannend an dem Projekt war, dass wir die Wertsteigerung von landwirtschaftlichen Reststoffen und die Entwicklung von nachhaltigen Zement- und Bautechnologien in Afrika verbunden haben.

Gruppenfoto mit drei Frauen und zwei Männern.

KEYS-Smposium in Johannesburg 2017: Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Projektkoorninatorin M.Sc. Nsesheye Susan Msinjili (ganz rechts)

Quelle: BAM, FB Baustofftechnologie

Was können Sie mit Projekten wie SPIN oder KEYS in Afrika bewirken?

Sehr viel! Nehmen wir den ersten Workshop des KEYS-Projekts, der in Tansania stattfand: Am Ende hat ein Doktorand gemeinsam mit einem internationalen Experten ein Kooperationsprojekt entwickelt, bei dem es darum ging, neue Baumaterialien für Uganda zu entwickeln. Oder das zweite Treffen in Ghana: Da hat eine deutsche Firma Teilnehmer geworben, um eine neue Niederlassung im Land, in Ghana aufzubauen. Genau das ist das Ziel: In Afrika sollen neue Ausbildungs- und Kooperationsmöglichkeiten entstehen. Wir wollen nicht, dass die jungen Talente den Kontinent verlassen.

Welche Qualifikationen haben Sie für die internationalen Projekte mitgebracht?

Es war vor allem wichtig, dass ich Erfahrungen im Projektmanagement hatte und auch große Teams leiten konnte. Durch meine Arbeit als Bauingenieurin hatte ich zum Beispiel Erfahrungen im Umgang mit Projektentwicklern, Architekten und anderen Kunden. In Tansania habe ich mich als Verantwortliche des Bauingenieur-Teams um Projekte mit mehr als 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gekümmert.

Und wie wichtig war es für die Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern, dass sie selbst aus Afrika stammen?

Die Mehrheit der Partner war aus Afrika und deswegen war es vielleicht ein Vorteil eine Projektkoordinatorin aus Afrika zu haben. Aber wichtig waren vor allem die Erfahrungen, wie Baumaterial für Afrika entwickelt werden kann. Sowohl der Bauprozess als auch die verwendeten Baumaterialien unterscheiden sich sehr, wenn man Afrika und Deutschland vergleicht.

Welche kulturellen Unterschiede haben Sie wahrgenommen, als Sie 2010 nach Deutschland kamen?

Bei der Arbeit, auch wenn es ein Klischee sein mag, gibt es einen großen Unterschied: Die Leute hier sind sehr effizient, das erlebe ich als wirklich positiv. Obwohl meine Abteilung sehr groß ist, kennt jeder jeden – und jeder hat Interesse an der Arbeit des anderen. Da will man einfach gute Arbeit machen. Und im alltäglichen Leben, auf der Straße, im Bus oder beim Einkaufen, ist mir am meisten aufgefallen, dass sich die Leute viel weniger unterhalten – in Tansania plaudert dagegen jeder mit jedem. Aber insgesamt sind die kulturellen Unterschiede nebensächlich. Mittlerweile ist Deutschland ganz klar meine zweite Heimat geworden – mit dem lustigen Effekt, dass auch meine Eltern in Tansania bei internationalen Fußballturnieren dem deutschen Team die Daumen drücken.

Welche weiteren beruflichen Schritte planen Sie?

Mein aktuelles Ziel ist es, hier meine Promotion abzuschließen, da stecke ich gerade meine ganze Zeit rein. In meiner Promotion beschäftige ich mich mit der Verwendung von Tonmineralen als Baumaterial und arbeite mit Projektpartnern aus Deutschland zusammen. Viel Unterstützung bekomme ich dabei von meinem Kollegen Dr.-Ing. Gregor Gluth, der auch der Ansprechpartner für das Projekt ist. Danach würde ich sehr gerne weiter bei der BAM arbeiten und wieder ein internationales Projekt machen, gerne mit dem Fokus auf Tansania, um die wissenschaftliche Forschung dort weiterzuentwickeln. Hier liegt in Afrika noch viel Potenzial.

Können Sie sich auch vorstellen, zukünftig wieder in Tansania zu arbeiten?

Auf jeden Fall! Nachdem ich hier sehr viel gelernt habe, ist es wirklich wichtig für mich, nach Tansania zurückzukehren, um dort im Land die innovative wissenschaftliche Forschung voranzubringen.