05.02.2016

Adolf Martens

Adolf Martens

Quelle: BAM

Adolf Martens (1850–1914) war ein Pionier der Werkstoffprüfung in Deutschland und leitete seit 1884 die Königliche Mechanisch-Technische Versuchsanstalt, Vorgängerin der heutigen BAM. Hier spricht er über die Bedeutung, die solch ein Amt für die Gesellschaft hat und berichtet von den ausführlichen Untersuchungen zu einem bedeutenden Schadensfall Ende des 19. Jahrhunderts. Ein rekonstruiertes Gespräch aus Originaldokumenten.

Herr Professor Martens, Sie haben als Wissenschaftler die Mikroskopie und die Metallographie in die Metallkunde eingeführt und gleichzeitig als Praktiker ein modernes Materialprüfungsamt aufgebaut. Welche Bedeutung haben Prüfung und Forschung?

Man wird vor allem Dingen Bedacht darauf nehmen müssen, neben dem rein geschäftlichen Betriebe des Amtes, für die wissenschaftlichen Aufgaben einen breiteren Raum zu schaffen. Ausbau und Verbesserung der Prüfungsverfahren (muss) vornehmste Aufgabe des Amtes sein; dabei wird namentlich das chemische Gewerbe zu berücksichtigen sein. Wie es für die Prüfung des Zementes, der Ziegel, des Papiers u.a.m. gelungen ist, in engster Mitwirkung der beteiligten Kreise feste und einheitliche Grundsätze für die Lieferung und Prüfung zu entwickeln, so kann die gemeinsame Arbeit auch auf vielen anderen Gebieten die Gegensätze zwischen Erzeuger und Verbraucher auf geringstes Maß bringen.

Ein Materialprüfungsamt dient der gesamten Gesellschaft, weil es Sicherheit für alle gewährleistet, für Hersteller und Verbraucher?

… und an diesem wirtschaftlichen Ziel sollte das Amt beteiligt werden. Je tiefer die leitenden Beamten in Wesen und Bedürfnisse der technischen Kreise eindringen, um so größer ist der Nutzen den das Amt stiften kann.

Wie denn?

Es ist notwendig, dass die wissenschaftlichen Arbeiten des Amtes in den Vordergrund gebracht werden. Grundbedingung hierfür ist die Gewinnung eines tüchtigen Stammes von selbstständigen wissenschaftlichen Beamten.

Welche Rechtsform sollte die Institution haben?

Es ist unter allen Umständen notwendig, dass der Staat über ein öffentliches Materialprüfungsamt verfügt, das an erster Stelle steht. Es muss sich, vermöge der Stellung außerhalb der Interessen von Erzeugern und Verbrauchern, über die von dem industriellen Kapital errichteten großen Anstalten erheben. Nur so wird man die Gefahr vermeiden, dass sich die Kapitalmacht die Wissenschaft dereinst einseitig zum Nutzen macht.

Ein gutes Stichwort: die Unabhängigkeit. Dazu findet sich in den Archiven Folgendes: 1881 gab es den Erlass, dass bei großen Unglücken im Kaiserreich Probematerial zur Ursachenforschung an die neutrale Prüfanstalt gegeben werden soll. Ende 1882 kam es dann zu einem Unfall im Kohlebergwerk Fürst Hardenberg in Dortmund. Das Seil eines Förderaufzugs riss, 25 Männer starben. Die Versuchsanstalt übernahm die Schadensanalyse.

Bei den Untersuchungen der Bruchenden des Seils haben sich gleichzeitig Ergebnisse auf die Seilabnutzung im Allgemeinen ergeben.

Sie haben den Teil der mikroskopischen Untersuchungen unternommen. Wie gingen Sie vor?

Um die gestellte Aufgabe lösen zu können, war es zunächst notwendig, diejenigen Brucherscheinungen an den Stahldrähten absichtlich zu erzeugen, welche die in Wirklichkeit auftretenden Beanspruchungsarten des Seiles hervorrufen konnten.

Eine Systematik also, wie sie seither üblich ist, mit Referenzversuchen und Ähnlichem. Es gab sieben Versuchsstücke, heißt es. Nr. 1 bis 6 stammten von bestimmten Stellen des Originalseils, Nr. 7 von einem neuen, von derselben Firma aus Dortmund gelieferten Gussstahldrahtseil. Sie haben jede einzelne Litze, jeden Draht für sich untersucht?

Bei allen Proben (des Originalseils) zeigten die Bruchstellen äußere Fehlstellen an der Oberfläche, durch mechanische Abnutzung, chemische Einwirkung auf die Drahtoberfläche im Betriebe oder durch Materialfehler.

Und es gab, wie Sie nachgewiesen haben, in den Drähten sogenannte Narben und Längsriefeln, weil die Drähte ständig gegeneinander rieben beim Wechsel der Zugbelastungen und durch Druck in der Führung der Seilscheiben. Mithin: Ein ganzes Ursachenbündel führte zur Katastrophe...

Die chemischen Wirkungen legten sich auf die ohnehin schon mechanisch beschädigten Teile. Sauer reagierende Fettschmiere und staubbeladener Niederschlag saurer Dämpfe lagerten sich zwischen Drähten ein.

Anmerkung: Schlussendlich, hieß es in den „Mittheilungen aus den Königlichen Technischen Versuchsanstalten zu Berlin“ (Zweiter Jahrgang: 1884), riss das Seil wegen gleichmäßiger Einwirkung von Zugkraft und Biegung.

Quellen:
Adolf Martens, Ziele für die Zukunft. In: Das Königliche Materialprüfungsamt. Denkschrift zur Eröffnung des Neubaus in Dahlem, 1904.
Adolf Martens, Bericht über die mikroskopische Untersuchung des Förderseiles, in: Mittheilungen ... 1884